Meine Petition zur deutschen Nationalhymne

15.03.20 von Gerhild Zumbroich

Ich gebe zu, jahrzehntelang ist es mir gar nicht aufgefallen, dass sich unsere Nationalhymne nur an die Männer richtet, die „brüderlich mit Herz und Hand“ nach Einigkeit, Recht, Freiheit streben sollen. Erst als ich vor einigen Jahren unserer Fußball-Nationalmannschaft (der der Frauen!) beim Absingen der Hymne zusah, stieß mir der Widerspruch sauer auf. Es dauerte dann noch weitere Jahre, bis ich am 1. Januar 2018 eine Petition formulierte und an den Petitionsausschuss des Bundestages schickte:  „Anpassung einer Textzeile der deutschen Nationalhymne an die heutige Zeit – auf dass sich auch Frauen angesprochen fühlen können“. Ich legte meine Gründe dar, machte wunderbare Änderungsvorschläge: … danach lasst uns alle streben * Alte, Junge, Hand in Hand, * hoffnungsvoll mit Herz und Hand, . . . u.ä. Vielleicht, dass wir alle über die Formulierung abstimmten? 

Bereits eine Woche später erhielt ich die Antwort aus Berlin. Mir wurde erklärt, wer den Text der Hymne verfasst hatte, wer und wann die Melodie geschrieben hatte, wer das Lied als Nationalhymne anerkannt hatte, wer betont hatte, dass nach der Wiedervereinigung . . . Meine Eingabe sah man damit als „abschließend beantwortet“ an. ??? Aber widersprechen  durfte ich. Was ich auch tat, schließlich steckte im Antwortschreiben kein Erkenntnisgewinn:  ich wusste auch zuvor, wer für Text, Melodie, Einführung, Festschreibung der Hymne verantwortlich zeichnete. Was mir nicht präsent war: es waren ausschließlich Männer. 

Auf mein Widerspruchsschreiben bin ich regelrecht stolz – dem konnte Mann „eigentlich“ nichts mehr entgegensetzen. So wartete ich auch Monat für Monat auf eine Reaktion. Zwischenzeitlich, zum Weltfrauentag 2018, hatte die Gleichstellungsbeauftragte der Bundesregierung, Kristin Rose-Möhring, einen ähnlichen Vorstoß zur Änderung der Hymne unternommen, und dafür viel Häme eingesteckt. Zum darauffolgenden Weltfrauentag erkundigte ich mich nach dem Schicksal meiner Petition, 14 Monate waren ins Land gegangen. Aus Berlin erhielt ich die Information: „Nach Abschluss der Ermittlungen wird das sogenannte Berichterstatterverfahren eingeleitet…“.

Im Dezember 2019 kam die Ablehnung meines Antrags: „Textänderungen bergen immer die Gefahr, dass der bestehende Konsens aufgekündigt wird und verloren geht . . . angesichts der überwiegenden Akzeptanz der Nationalhymne in der Bevölkerung . . .“ Verwiesen wurde auf 11 weitere Eingaben zur Hymne mit verwandter (?) Zielsetzung (Berücksichtigung der DDR-Hymne, gesamtdeutsche Hymne – das wär auch eine prima Sache!).

 

Ich möchte mich so „schnell“ nicht geschlagen geben. Die Gegenargumente aus Berlin sind dürftig, durchschaubar. Ist die BRD ein solch fragiles soziales Gebilde, dass ihre Identität ins Wanken gerät oder gar verloren geht, wenn ein Wort in der Hymne geändert wird? Österreich (2012) und Kanada (2018) haben diesen ungeheuerlichen Einschnitt bestens überlebt – allerdings gab es auch dort große Widerstände zu überwinden, bis die Änderung erfolgte. In Österreich entschied zuvor der oberste Gerichtshof, dass eine Textänderung als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen zulässig sei. 

Zum Argument, beim Hymnentext handele es sich um ein künstlerisches Werk, das es zu erhalten gelte, kann ich nur sagen, dass der Text auch weiterhin im Original nachzulesen bleibt. Gesungen wird zukünftig in enger Anlehnung an den Ursprungstext, und zwar an den der dritten Strophe. (Die ersten beiden wurden bereits weggelassen, weil sie nicht mehr in die Zeit passten.) In der Süddeutschen Zeitung gab es vor zwei Jahren einen Artikel, der sich mit dem Thema befasste. Dort hieß es, dass eine Hymne ihren Sinn erlange, wenn sie gesungen werde. Sie sei Gegenwart. 

Ich weiß, es gibt dringlichere, existentiellere Probleme für Frauen als dieses. Aber: Sprache ist Macht. Sie wirkt. Und wie ich nicht als Kunde oder Obmännin bezeichnet werden will, kann ich auch nicht brüderlich für mein Land streben. Die Stellung der Frau in der Gesellschaft hat sich hoffentlich, seit Hoffmann von Fallersleben den Text der Nationalhymne verfasste, geändert.

Ich hoffe auf Eure Unterstützung beim Bohren dicker Bretter vor dicken Köpfen. 

„Die Welt hat immer den Männern gehört. Keiner der Gründe, die dafür angegeben werden, erscheint ausreichend.“ (Simone de Beauvoir)

Fotomontage: küc

Text und Zeichnungen: Gerhild Zumbroich

Kategorie

Newsletter